Religionsphilosophie

Religionsphilosophie
Re|li|gi|ons|phi|lo|so|phie 〈f. 19
1. Teil der Philosophie, der Inhalt u. Bedeutung der Religion erforscht
2. philosoph. Behandlung religiöser u. dogmat. Fragen vom Standpunkt der Theologie aus
● jüdische, katholische, protestantische \Religionsphilosophie

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Re|li|gi|ons|phi|lo|so|phie, die <o. Pl.>:
Wissenschaft vom Ursprung, Wesen u. Wahrheitsgehalt der Religionen.

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Religionsphilosophie,
 
die philosophische Beschäftigung mit dem Phänomen der Religion. Im weiteren Sinn verstanden, ist Religionsphilosophie so alt wie Philosophie überhaupt. Schon die Vorsokratiker behandelten religiöse und philosophische Probleme gemeinsam; die Durchdringung beider Bereiche, von M. Heidegger als »Onto-Theologie« bezeichnet, war für die Denkentwicklung des Abendlandes bestimmend. In der frühen Neuzeit kam es zu einer Ablösung der Philosophie von theologischen Voraussetzungen. Religionsphilosophie im engeren Sinn als eine Disziplin der Philosophie mit Berührungspunkten zu Religionswissenschaft und Theologie setzt diese Entwicklung voraus und ist daher nicht mit religiöser Philosophie identisch. Von den Disziplinen der Religionswissenschaft unterscheidet sie sich durch den Allgemeinheitsanspruch ihrer u. a. spekulativen, metaphysischen, »apriorischen« Reflexionen. Im Unterschied zur Theologie, die innerhalb einer bestimmten Religion in prinzipieller Affirmation von deren Grundlagen betrieben wird, sucht die Religionsphilosophie ohne Berufung auf eine normative Tradition das Phänomen der Religion ausschließlich mit den Mitteln der Vernunft zu ergründen. Zu den traditionellen Themen der Religionsphilosophie gehören das Verhältnis von Philosophie und Theologie (von Vernunft und Offenbarung), das Wesen und die Funktion der Religion, die Gottesbeweise, die Unsterblichkeit sowie das Problem der Theodizee. In neuerer Zeit stehen das Phänomen des Heiligen sowie die Frage nach der Kontingenz und Endlichkeit des Menschen im Vordergrund. Erhebliche Differenzen nach Methodik und Sachgehalt resultieren aus konfessionellen Bindungen einer Religionsphilosophie beziehungsweise aus deren Fehlen.
 
Mit der Aufklärung begann der Übergang zur kritischen wissenschaftlichen Religionsphilosophie, insofern diese sich bewusst von den Vorgaben der normativen Tradition, v. a. des Christentums, löste (besonders ausgeprägt bei B. de Spinoza in seinem »Tractatus theologico-politicus«, 1670) und sich ausschließlich auf die Vernunft stützen wollte (R. Descartes, J. Locke, G. W. Leibniz). Im Anschluss an J. Bodin wurde die Vorstellung einer natürlichen Religion und natürlichen Theologie zum Maßstab für die Beurteilung der geschichtlichen Religionen und die Auseinandersetzungen von Philosophie und Theologie. Als Religionsphilosophie der Aufklärung kann der besonders in England (u. a. durch E. Herbert, A. Collins und M. Tindal) stark vertretene Deismus gelten, der den Offenbarungsglauben ablehnte und den moralischen Charakter religiöser Vorschriften betonte. G. E. Lessing, neben H. S. R. Reimarus Hauptvertreter deistischer Religionsphilosophie in Deutschland, begriff dann die Offenbarungsreligion im Prozess der »Erziehung des Menschengeschlechts« als notwendige Übergangsstufe. Von seiner Kritik der klassischen Gottesbeweise ausgehend, führte I. Kant mit der Schrift »Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft« (1793) die aufklärerische Betonung des moralischen Gehalts der Religion fort, indem er Gott als Postulat der praktischen Vernunft einführte. F. Schleiermacher hingegen versuchte, eine Religionsbegründung aus dem »Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit« zu liefern. Gegen ihn wandte sich G. W. F. Hegel (»Vorlesungen über die Philosophie der Religion«) mit einem spekulativen System, in dem Religion Wissen des göttlichen Geistes von sich selbst im endlichen Geist ist, sodass Gott alles Weltgeschehen durchwaltet und im Denken des Menschen zu sich selbst kommt. Spekulative Rekonstruktionen der geschichtlichen Religion finden sich auch bei J. G. Fichte und F. W. J. Schelling.
 
Die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts stand im Zeichen der Religionskritik, v. a. bei L. Feuerbach, K. Marx, F. Nietzsche und später S. Freud. Im Gegenzug dazu wurden um die Wende zum 20. Jahrhundert eine Reihe religionsphilosophischer Entwürfe entwickelt, die auch noch die gegenwärtige Diskussion prägen. Ausgehend von der Religionspsychologie (W. James), dem Neukantianismus (u. a. H. Cohen) und dem Konzept eines religiösen Apriori (E. Troeltsch, R. Otto) wurde versucht, die Wirklichkeit religiöser Erfahrung zu verteidigen. Positivismus und Sprachkritik bilden den Ausgangspunkt für den Neuansatz der »analytischen Religionsphilosophie«. Unter Berufung auf die Sinnkriterien des logischen Empirismus behauptet u. a. A. J. Ayer die Sinnlosigkeit religiöser Aussagen. Andere Autoren versuchen, der religiösen Sprache einen pragmatischen (Ronald William Hepburn, * 1927), ethischen (R. B. Braithwaite) oder »eschatologischen« (John Harwood Hick, * 1922) Sinn zuzuschreiben. Eine zweite Hauptströmung knüpft an die Spätphilosophie L. Wittgensteins und die Theorie der Sprechakte an. Als Analyse religiöser »Sprachspiele« (D. Z. Phillips, Dallas Milton High, * 1931, u. a.) will sie deren Eigenständigkeit aufzeigen.
 
In der Auseinandersetzung mit der abendländischen Tradition hat im 20. Jahrhundert die japanische Kyōtoschule (Nishida Kitarō, Tanabe Hajime) eine eigenständige buddhistische Religionsphilosophie entfaltet.
 
 
G. V. Lechler: Gesch. des engl. Deismus (1841, Nachdr. 1965);
 O. Pfleiderer: Gesch. der R. von Spinoza bis auf die Gegenwart (31893);
 E. von Hartmann: Grundr. der R. (1909, Nachdr. 1984);
 H. Scholz: R. (21922, Nachdr. 1974);
 H. Leisegang: R. der Gegenwart (1930);
 J. Hessen: R., 2 Bde. (21955);
 R. Guardini: Religion u. Offenbarung (1958, Nachdr. 1990);
 H. Cohen: Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums (Neuausg. 21959, Nachdr. 1978);
 K. Feiereis: Die Umprägung der natürl. Theologie in R. (Leipzig 1965);
 J. Collins: The emergence of philosophy of religion (New Haven, Conn., 1967);
 M. Scheler: Vom Ewigen im Menschen (Bern 51968);
 P. Tillich: R. (Neuausg. 21969);
 H. R. Schlette: Skept. R. (1972);
 H. Schrödter: Analyt. R. (1979);
 K. Jaspers: Der philosoph. Glaube angesichts der Offenbarung (31984);
 
Religionskritik von der Aufklärung bis zur Gegenwart, hg. v. K.-H. Weger (41988);
 
R. heute, hg. v. A. Halder (1988);
 F. von Kutschera: Vernunft u. Glaube (Neuausg. 1991);
 R. Otto: Das Heilige (Neuausg. 50.-53. Tsd. 1991);
 F. Wagner: Religion u. Gottesgedanke (1996);
 B. Welte: R. (51997).
 

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Re|li|gi|ons|phi|lo|so|phie, die <o. Pl.>: Wissenschaft vom Ursprung, Wesen u. Wahrheitsgehalt der Religionen.

Universal-Lexikon. 2012.

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